Radikale Linke und Islamisten vertreten bei Religion, Frauenrechten, sexueller Freiheit und Gesellschaft oft gegensätzliche Vorstellungen. In Berlin begegnen sich Teile dieser Milieus trotzdem immer wieder auf demselben politischen Feld: in radikaler Israelfeindschaft. Der Berliner Verfassungsschutz beschreibt inzwischen nicht nur ähnliche Narrative, sondern ausdrücklich Vernetzungen zwischen ideologisch gegensätzlichen extremistischen Spektren.
Wie schnell solche Positionen aus extremistischen Milieus in einen normalen politischen und kulturellen Raum gelangen können, zeigte sich am 29. August 2026 auf dem Herrfurthplatz in Berlin-Neukölln.
Drei Wochen vor der Abgeordnetenhauswahl veranstaltete die Linke Neukölln dort gemeinsam mit Theaterregisseur Volker Lösch die Wahlkampfkundgebung „Wütend auf den Kapitalismus“. Rund 1000 Menschen sollen gekommen sein. Angekündigt waren Politiker, Aktivisten und Kulturschaffende, darunter Deborah Feldman, Volksbühnen-Intendant Matthias Lilienthal und der Rapper Dahabflex.
Dann wurde aus einer Wahlkampfveranstaltung ein ziemlich anschauliches Beispiel dafür, wie weit radikale Israelfeindschaft inzwischen in andere politische Räume hineinreichen kann.
Was auf dem Herrfurthplatz geschah
Dahabflex trat gegen Ende der Veranstaltung mit seinem Song „Stop the Genocide“ auf. Darin skandierte er eine Intifada-Parole mit Bezug auf Judäa und Samaria, Palästina und Gaza sowie „Death to the IDF“. Der Tagesspiegel, die Berliner Zeitung und weitere Medien dokumentierten die betreffenden Zeilen übereinstimmend.
Während des Songs tanzten zahlreiche, überwiegend junge Besucher und sangen mit. Palästinensische Flaggen wurden geschwenkt, einzelne Anwesende vermummten sich. Eine unmittelbare Intervention der anwesenden Parteivertreter erfolgte nach den vorliegenden Berichten nicht. Der Co-Vorsitzende der Linken Neukölln, Hermann Nehls, betrat während des Auftritts kurz die Bühne und machte Fotos.
Der Begriff Intifada ist historisch keineswegs neutral. Er steht insbesondere für die beiden palästinensischen Aufstände gegen Israel. Während der zweiten Intifada von 2000 bis 2005 wurden durch Terroranschläge und andere Angriffe mehr als tausend Israelis getötet, darunter zahlreiche Zivilisten.
Auch die Forderung nach dem Tod der israelischen Streitkräfte ist keine gewöhnliche Kritik an der israelischen Regierung oder an einer konkreten Militäroperation.

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Aus dem SCHLAGSEITE X-ArchivEin Überraschungsgast war Dahabflex nicht
Der Neuköllner Bezirksverband erklärte nach dem Auftritt, Dahabflex sei eingeladen worden, weil man ihn als Künstler wahrgenommen habe, der sich gegen Krieg und für Frieden positioniere. Der betreffende Song sei nicht Teil des ursprünglich abgesprochenen Programms gewesen und spontan gespielt worden. Hermann Nehls wies zugleich den Vorwurf zurück, sein Verband rufe zu Gewalt auf.
Damit ließe sich der Abend vielleicht noch als missglückter Einzelauftritt erklären.
Nur war Dahabflex innerhalb der Linken schon vorher ein Thema.
Bereits 2025 hatte die Linke Neukölln den Rapper für eine Gaza-Demonstration beworben. Die frühere Linken-Bundestagsabgeordnete Martina Renner kritisierte damals öffentlich Texte des Musikers mit PFLP-Bezügen und derselben gegen die israelischen Streitkräfte gerichteten Rhetorik. Die PFLP wird von der Europäischen Union als Terrororganisation geführt. Die Jüdische Allgemeine dokumentierte die frühere Warnung erneut nach dem Neuköllner Vorfall.
Die Problematik war damit öffentlich bekannt und innerhalb des linken Umfelds bereits Gegenstand einer Auseinandersetzung.
Von einem Künstler, dessen politische Linie vollkommen überraschend erst am Herrfurthplatz sichtbar geworden sei, kann schwerlich die Rede sein.
Die Linke streitet mit sich selbst
Genau deshalb entwickelte sich der Auftritt schnell zu einem innerparteilichen Konflikt.
Berlins Linken-Landeschefin Kerstin Wolter erklärte, sie sei über den Liedtext „stinksauer“ und forderte Konsequenzen. Spitzenkandidatin Elif Eralp verurteilte den Auftritt ebenfalls scharf. Aufrufe zu Gewalt und zur Tötung von Menschen seien inakzeptabel, die Verantwortlichen hätten sofort eingreifen müssen.
Bundesgeschäftsführer Janis Ehling formulierte gegenüber der Berliner Zeitung eine klare rote Linie: Die Forderung nach dem Tod von Menschen sei niemals eine linke Forderung.
Parteichef Luigi Pantisano positionierte sich dagegen wesentlich zurückhaltender. Er erklärte am 31. August, Dahabflex und dessen Musik vorher nicht gekannt zu haben. Eine künstlerische Bewertung wolle er sich nicht anmaßen. Er vertraue darauf, dass Bezirksverband, Landesverband und Spitzenkandidatin den Vorgang aufarbeiteten.
Auf weitere Nachfrage sagte Pantisano zwar, auf Veranstaltungen solle es keine Aufrufe zu Gewalt geben. Gleichzeitig kritisierte er gegenüber t-online die anschließende Debatte und erklärte, man müsse über wichtigere politische Fragen sprechen und nicht über Lieder irgendwelcher Rapper.
Damit verläuft der Konflikt nicht einfach zwischen „der Linken“ und ihren Kritikern.
Er verläuft mitten durch die Partei.
Der Tagesspiegel beschreibt einen deutlich sichtbaren palästinasolidarischen Flügel innerhalb der Berliner Linken. Nach dessen Recherchen gelang es der Landesführung auf Parteitagen zuletzt unter erheblichem Aufwand, Anträge dieses Lagers abzumoderieren. Zugleich beschreibt der Bericht personelle und organisatorische Machtkämpfe in mehreren Bezirksverbänden.
Wie stark dieses Lager die Gesamtpartei tatsächlich bestimmt, lässt sich daraus nicht seriös ableiten.
Dass es existiert und parteipolitischen Einfluss besitzt, dagegen schon.
Es wäre deshalb falsch, aus einem Neuköllner Bezirksverband die gesamte Linkspartei zu machen. Ebenso falsch wäre es aber, den Vorgang zu einem Ausrutscher eines einzelnen Rappers herunterzuspielen.
Hier organisierte ein politisch relevanter Bezirksverband mitten im Wahlkampf eine Veranstaltung mit rund tausend Besuchern, lud einen bereits zuvor umstrittenen Künstler ein, griff während seines Auftritts nicht ein und verteidigte anschließend die Einladung.
Am 20. September wird in Berlin gewählt. Entsprechend reagierten auch politische Konkurrenten. Grünen-Spitzenkandidat Werner Graf stellte angesichts des Vorgangs die Regierungsfähigkeit der Linken infrage.
Der Verfassungsschutz beschreibt die politische Vernetzung ausdrücklich
Der Fall bekommt seine eigentliche Bedeutung allerdings erst durch den größeren Zusammenhang.
Der Berliner Verfassungsschutz beschreibt seit Jahren eine israelfeindliche Szene, in der sich unterschiedliche extremistische Spektren überschneiden.
Im Verfassungsschutzbericht für 2024 werden israelfeindliche und antisemitische Akteure ausdrücklich als prägend für den Bereich des auslandsbezogenen Extremismus beschrieben. Gleichzeitig stellt die Behörde fest, dass dogmatische linksextremistische Gruppierungen zu einem integralen Bestandteil der antiisraelischen Szene in Berlin geworden seien.
Der ausführliche Bericht beschreibt außerdem die besondere Rolle der PFLP. Anhänger der Organisation traten demnach gemeinsam mit Berliner Hamas-Anhängern unter der Dachbezeichnung Vereinigtes Palästinensisches Nationalkomitee auf. Dieses Bündnis mobilisierte für Demonstrationen und kooperierte nach Angaben der Behörde unter anderem mit dem BDS-Netzwerk und dogmatischen Linksextremisten.
Nach Einschätzung des Verfassungsschutzes kam der PFLP eine wichtige Scharnierfunktion zwischen islamistischen und säkularen israelfeindlichen Verfassungsfeinden zu.
Das ist der entscheidende Punkt.
Es geht nicht nur darum, dass Islamisten und radikale Linke teilweise dasselbe über Israel denken.
Die Sicherheitsbehörde beschreibt konkrete organisatorische Überschneidungen.
Samidoun verschwand als Name, nicht als Milieu
Auch das inzwischen verbotene Netzwerk Samidoun gehört in diesen Zusammenhang.
Der Berliner Verfassungsschutz beschreibt Samidoun als eng mit der PFLP verflochten. Nach dem Betätigungsverbot vom November 2023 trat die Organisation zwar nicht mehr unter ihrem bisherigen Namen auf.
Ehemalige Samidoun-Aktivisten beteiligten sich laut Verfassungsschutz jedoch weiterhin an antiisraelischen Protesten und fielen dort mit gewaltverherrlichenden, israelfeindlichen und antisemitischen Aussagen auf.
Das verdeutlicht ein grundsätzliches Problem extremistischer Netzwerke.
Ein Organisationsverbot kann einen Namen und formelle Strukturen treffen. Die Personen, Kontakte und politischen Milieus verschwinden deshalb nicht automatisch.
Young Struggle verbindet linksextreme und israelfeindliche Milieus
Noch deutlicher wird die Verbindung am Beispiel Young Struggle.
Der Berliner Verfassungsschutzbericht für 2025 zählt Young Struggle neben dem Vereinigten Palästinensischen Nationalkomitee und BDS Berlin zu den prägenden Akteuren der verfassungsschutzrelevanten israelfeindlichen Szene.
Der ausführliche Bericht beschreibt Young Struggle als relevanten Akteur des israelfeindlichen Protestgeschehens. Die Gruppe ruft zu Widerstand und Intifada auf und bestreitet nach Einschätzung der Behörde das Existenzrecht Israels.
Besonders schwer wiegt die Haltung zum 7. Oktober 2023.
Der Verfassungsschutz stellt bei Young Struggle eine klare Parteinahme für die Hamas und eine Legitimierung des Terrorangriffs fest. Veröffentlichungen der Gruppierung ordneten den Angriff in eine Erzählung von palästinensischem „Widerstand“ und angeblicher Befreiung ein.
Bemerkenswert ist auch die Zusammensetzung der Gruppe. Nach Angaben des Verfassungsschutzes finden sich bei Young Struggle auch viele Jugendliche ohne Migrationshintergrund. Gleichzeitig beschreibt die Behörde die Organisation als auf breite Anschlussfähigkeit und Vernetzung ausgerichtet.
Genau hier wird aus einer ideologischen Gemeinsamkeit eine politische Brücke.

BDS wächst innerhalb der israelfeindlichen Szene
Auch BDS Berlin spielt nach Einschätzung des Verfassungsschutzes eine zentrale Rolle.
Die Bewegung wird als erwiesen verfassungsfeindliche Bestrebung geführt. Bereits für 2024 begründete der Berliner Verfassungsschutz dies mit der das Existenzrecht Israels negierenden Ideologie der BDS-Kampagne und ihrer zentralen Rolle innerhalb der antiisraelischen Szene Berlins.
Für 2025 zählt die Behörde BDS Berlin erneut zu den prägenden Akteuren der verfassungsschutzrelevanten israelfeindlichen Szene.
Zusammen mit Young Struggle, PFLP- und Hamas-Anhängern, ehemaligen Samidoun-Aktivisten und weiteren Gruppen ergibt sich kein einheitlicher Block.
Aber es ergibt sich ein Protest- und Vernetzungsmilieu.
Israelhass überbrückt ideologische Gegensätze
Warum funktioniert diese Zusammenarbeit überhaupt?
Islamisten und Kommunisten teilen schließlich kein gemeinsames Gesellschaftsmodell. Beim Verhältnis zu Religion, Frauenrechten, Homosexualität oder individueller Freiheit könnten die Unterschiede kaum größer sein.
Sie müssen diese Unterschiede aber nicht auflösen.
Für politische Zusammenarbeit genügt ein gemeinsamer Gegner.
In Teilen der radikalen Linken wird Israel durch ein strikt antiimperialistisches und antikoloniales Raster betrachtet. Der jüdische Staat erscheint darin weniger als demokratische Gesellschaft mit eigenen Sicherheitsinteressen und einer komplexen Geschichte, sondern vor allem als westliches Kolonialprojekt.
Damit verschiebt sich die entscheidende Frage.
Es zählt weniger, wofür ein Akteur steht, sondern gegen wen er kämpft.
Eine säkulare Terrororganisation wie die PFLP, islamistische Hamas-Anhänger und deutsche Linksextremisten können dadurch Bestandteil desselben Protestmilieus werden, obwohl ihre politischen Endziele erheblich voneinander abweichen.
Israelfeindschaft schafft eine politische Schnittmenge zwischen gegensätzlichen Milieus.
Dafür braucht es keinen geheimen Plan und keinen zentralen Kommandoraum. Die Netzwerke, gemeinsamen Demonstrationen und organisatorischen Überschneidungen sind öffentlich dokumentiert.
„Islamo-Gauchisme“ erklärt nur einen Teil
In Frankreich wird für entsprechende Überschneidungen häufig der Begriff „Islamo-Gauchisme“ verwendet.
Als wissenschaftliche Kategorie ist er problematisch. Ein Forschungsverbund des französischen CNRS verwies 2021 auf die damalige Stellungnahme des CNRS, wonach der Begriff keiner wissenschaftlich definierten Realität entspreche und politisch instrumentalisiert werde.
Das beobachtete Berliner Phänomen verschwindet dadurch allerdings nicht.
Für Berlin ist ohnehin weniger entscheidend, wie man es nennt.
Entscheidend ist, was sich belegen lässt.
Der Berliner Verfassungsschutz dokumentiert Kooperationen und Überschneidungen zwischen PFLP-Anhängern, Hamas-Anhängern, BDS-Aktivisten und Linksextremisten. Er beschreibt Young Struggle als prägenden Akteur des israelfeindlichen Protestgeschehens und dokumentiert Vernetzung über ideologische Grenzen hinweg. Der Befund benötigt kein französisches Schlagwort.
Islamismuskritik ist keine Muslimfeindlichkeit
Gerade bei diesem Thema ist eine saubere Trennung notwendig.
Muslime sind keine politische Bewegung. Sie vertreten höchst unterschiedliche religiöse und politische Positionen.
Islamismus dagegen ist eine politische Ideologie, die religiöse Normen zum bestimmenden Prinzip von Gesellschaft und Staat machen will.
Eine liberale Demokratie muss muslimisches Leben schützen und Islamismus gleichzeitig bekämpfen können.
Wer beides gleichsetzt, schützt Muslime nicht. Er stärkt vielmehr diejenigen Islamisten, die selbst beanspruchen, für Muslime insgesamt zu sprechen.
Dasselbe gilt für Palästina. Solidarität mit palästinensischen Zivilisten ist nicht extremistisch. Kritik an israelischer Regierungspolitik ist nicht antisemitisch.
Aber Terrororganisationen zu legitimieren, Israels Existenzrecht zu bestreiten oder Gewalt gegen Israelis zu propagieren, wird nicht dadurch demokratisch, dass man es Palästina-Solidarität nennt.
Für jüdische Berliner ist das keine akademische Debatte
Der Berliner Verfassungsschutz stellt ausdrücklich einen Zusammenhang zum jüdischen Leben in der Hauptstadt her.
Bei der Vorstellung des Berichts für 2025 warnte Innensenatorin Iris Spranger insbesondere davor, dass extremistische Gruppierungen ihre Aktivitäten zunehmend auf Jugendliche und junge Erwachsene ausrichten. Die verfassungsschutzrelevante israelfeindliche Szene verbreitete nach Angaben der Behörde weiterhin Propaganda und organisierte Veranstaltungen, auf denen das Existenzrecht Israels negiert und der Terror der Hamas gefeiert wurde.
Damit wird aus einem ideologischen Streit eine konkrete gesellschaftliche Sicherheitsfrage.
Denn radikale Israelfeindschaft bleibt nicht zwangsläufig beim abstrakten Staat Israel stehen.
Sie verändert auch den Alltag und das Sicherheitsgefühl jüdischer Menschen in Berlin.
Auch die Kulturszene ist nicht automatisch Komplize
Dass mehrere Kulturschaffende auf derselben Veranstaltung auftraten, macht sie nicht automatisch zu Unterstützern der Aussagen von Dahabflex.
Volksbühnen-Intendant Matthias Lilienthal erklärte dem Tagesspiegel, er habe Dahabflex zuvor nicht gekannt. Während dessen späterem Auftritt sei er bereits nicht mehr vor Ort gewesen. Die gegen die israelischen Streitkräfte gerichtete Todesforderung überschreite für ihn eindeutig eine Grenze und lasse sich nicht rechtfertigen.
Die politische Frage lautet nicht, wer irgendwann am selben Abend dieselbe Bühne betreten hat.
Sie lautet, wer extremistischen Positionen bewusst Raum gibt, wer sie verteidigt und wer Grenzen zieht.
Keine Unterwanderungstheorie nötig
Was dokumentiert ist, reicht vollkommen.
Es existieren Milieus und Netzwerke, in denen extreme Linke, säkulare palästinensische Extremisten und Islamisten trotz erheblicher ideologischer Unterschiede zusammenfinden. Der Berliner Verfassungsschutz beschreibt Kooperationen, gemeinsame Proteststrukturen und eine Scharnierfunktion zwischen diesen Spektren.
Der Auftritt am Herrfurthplatz zeigt, wie weit Positionen, die seit Jahren in extremistischen israelfeindlichen Milieus verbreitet werden, inzwischen in demokratische politische Räume hinein anschlussfähig geworden sind.
Ein demokratischer Akteur trägt Verantwortung dafür, wem er seine Bühne gibt und wo er seine roten Linien zieht.
Wer radikale Israelfeindschaft immer wieder in demokratische Räume einlädt, darf sich irgendwann nicht mehr darüber wundern, dass sie dort ankommt.





