Gaza nach Hamas ist längst mehr als eine theoretische Frage. Über Gaza wird im Westen leidenschaftlich gestritten. Fast jede politische Forderung richtet sich dabei an Israel. Deutlich seltener geht es um die Frage, welche Verantwortung Hamas für die Katastrophe trägt und wie eine Zukunft für Gaza aussehen soll, solange eine islamistische Terrororganisation bewaffnet, politisch organisiert und gesellschaftlich verankert bleibt. Ausgerechnet unter Palästinensern beginnt sich diese Debatte inzwischen sichtbar zu verändern.
Ein aktueller Meinungsbeitrag des aus Gaza stammenden Ahmed Fouad Alkhatib in der New York Times bringt diesen Konflikt ungewöhnlich deutlich auf den Punkt. Der Essay erschien am 4. September 2026 unter der Überschrift „For Gaza to Recover, Hamas Must Be Expelled“. Alkhatib fordert nicht weniger Solidarität mit den Palästinensern. Er fordert eine andere: eine, die Hamas nicht romantisiert, palästinensische Verantwortung nicht ausblendet und die Zukunft Gazas nicht erneut einer bewaffneten islamistischen Bewegung überlässt.
Das wäre leicht als Einzelmeinung abzutun. Die aktuellen Daten aus Gaza und dem Westjordanland, also Judäa und Samaria, zeigen jedoch, dass sich tatsächlich etwas bewegt. Nur nicht so bequem und eindeutig, wie manche es gerne hätten.

Gaza nach Hamas: Alkhatibs Kritik geht tiefer als die Bilanz eines verlorenen Krieges
Ahmed Fouad Alkhatib wuchs in Gaza-Stadt auf und verließ das Gebiet 2005. Heute ist er Resident Senior Fellow beim Atlantic Council und leitet dort das Projekt Realign For Palestine, das für Gewaltlosigkeit, Koexistenz und eine politische Neuorientierung der palästinensischen Nationalbewegung eintritt.
Nach Angaben des Atlantic Council verlor Alkhatib seit dem 7. Oktober 2023 insgesamt 33 unmittelbare und weiter entfernte Angehörige. Trotzdem gehört er zu den deutlichsten palästinensischen Kritikern der Hamas.
Sein Argument geht über die Feststellung hinaus, Hamas habe Gaza strategisch in eine Katastrophe geführt. Alkhatib beschreibt Hamas als ideologisches Projekt. Schon als Jugendlicher erlebte er, wie die Bewegung Moscheen zur religiösen und politischen Mobilisierung nutzte und junge Palästinenser für ihre islamistische Vorstellung des Widerstands gewinnen wollte.
Diese Ideologie ist nicht mit den militärischen Verlusten der Organisation verschwunden. Auch das 2017 veröffentlichte politische Grundsatzdokument definierte Palästina weiterhin über das gesamte Gebiet zwischen Jordan und Mittelmeer. Zwar akzeptierte Hamas darin einen palästinensischen Staat auf Grundlage der Linien von 1967 als möglichen nationalen Konsens, erkannte Israel aber nicht an. Das Dokument ersetzte die Hamas-Charta von 1988 nicht und setzte sie auch nicht außer Kraft. Selbst eine damals vergleichsweise dialogorientierte Analyse des European Council on Foreign Relations verwies deshalb auf die Widersprüche zwischen pragmatischer klingenden Formulierungen und der weiterhin bestehenden grundsätzlichen Position gegenüber Israel.
Genau darin liegt das eigentliche Problem: Eine Organisation kann einen Krieg verlieren und ihre Ideologie trotzdem behalten.
Der 7. Oktober 2023 war deshalb keine Naturkatastrophe und keine zwangsläufige historische Reaktion. Hamas und verbündete Gruppen trafen eine politische und militärische Entscheidung. Rund 1.200 Menschen wurden in Israel getötet und 251 Menschen nach Gaza verschleppt. Die Verantwortung Israels für das eigene Handeln im anschließenden Krieg hebt diese Verantwortung der Hamas nicht auf.
Was sich in der palästinensischen Öffentlichkeit verändert
Besonders aufschlussreich ist die jüngste Untersuchung des Palestinian Center for Policy and Survey Research. Zwischen dem 5. und 8. August 2026 wurden 1.270 Palästinenser persönlich befragt, davon 440 in Gaza und 830 in Judäa und Samaria. Die angegebene Fehlermarge beträgt 3,5 Prozentpunkte.
Die Methodik verdient dabei einen Hinweis. Gaza ist keine freie politische Umgebung. Befragt wurde in Gebieten ohne israelische Militärpräsenz westlich, südlich und nördlich der sogenannten „Yellow Line“. Bewohner von Gebieten unter israelischer Kontrolle, darunter Rafah sowie Teile des nördlichen Gazastreifens und Khan Yunis, wurden in Unterkünften befragt. Die Ergebnisse sind deshalb eine wichtige Momentaufnahme, aber keine mathematische Offenbarung über jeden Einwohner Gazas.
| Politische Einstellung | Oktober 2025 | August 2026 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Unterstützung für Hamas insgesamt | 35 % | 24 % | -11 Prozentpunkte |
| Unterstützung für Hamas in Gaza | 41 % | 33 % | -8 Prozentpunkte |
| Unterstützung für Hamas in Judäa und Samaria | 32 % | 18 % | -14 Prozentpunkte |
| Hamas soll die Palästinenser führen und vertreten | 41 % | 28 % | -13 Prozentpunkte |
| Bewaffneter Kampf gilt als wirksamster Weg | 41 % | 27 % | -14 Prozentpunkte |
| Verhandlungen gelten als wirksamster Weg | 36 % | 44 % | +8 Prozentpunkte |
| Hamas gilt als Sieger des Gaza-Krieges | 39 % | 20 % | -19 Prozentpunkte |
Die Entwicklung ist deutlich. Hamas verliert Unterstützung, das Vertrauen in bewaffneten Kampf sinkt und Verhandlungen gewinnen an Zustimmung. Für Gaza nach Hamas ist das ein wichtiges Signal, aber noch keine politische Neuordnung. Daraus eine breite Hinwendung zu Israel oder eine neue Friedensbewegung zu machen, wäre schlicht falsch.
44 Prozent unterstützen die allgemein formulierte Zweistaatenlösung, 50 Prozent lehnen sie ab. 58 Prozent halten sie wegen der Siedlungsentwicklung inzwischen für nicht mehr praktikabel. Gleichzeitig bevorzugen 56 Prozent bei einer Auswahl konkreter Modelle einen palästinensischen Staat auf Grundlage der Linien von 1967. Der Anstieg der Verhandlungsbereitschaft beschreibt also vor allem eine Veränderung der bevorzugten Methode, nicht automatisch eine grundsätzliche Neubewertung Israels.
Gaza beurteilt die Gewalt kritischer und unterstützt Hamas trotzdem stärker
Eine weitere Kombination aus der Umfrage verhindert allzu bequeme Schlussfolgerungen.
In Gaza stimmen 65 Prozent der Aussage zu, bewaffneter Widerstand habe die Palästinenser weder geschützt noch die israelische Kontrolle beendet, sondern zur Zerstörung Gazas beigetragen. In Judäa und Samaria sind es nur 35 Prozent.
Gleichzeitig identifizieren sich in Gaza weiterhin 33 Prozent mit Hamas. In Judäa und Samaria sind es lediglich 18 Prozent. Der Rückgang war dort mit 14 Prozentpunkten sogar deutlich stärker als in Gaza mit acht.
Das ist kein Widerspruch. Es zeigt, wie widersprüchlich politische Meinungen nach einem solchen Krieg sein können. Ein Mensch kann zu dem Schluss kommen, dass der bewaffnete Kampf katastrophal gescheitert ist, ohne deshalb sofort seine politische oder ideologische Bindung an Hamas aufzugeben.
Die Legende vom militärischen Erfolg verliert besonders dort an Überzeugungskraft, wo seine Folgen unmittelbar zu sehen sind. Die Organisation selbst verschwindet damit aber noch lange nicht.

Ein Führungsvakuum ist noch keine liberale Alternative
Auch der Bedeutungsverlust von Hamas und Fatah sollte nicht mit der Entstehung einer gewaltfreien technokratischen Mitte verwechselt werden.
44 Prozent der Befragten erklären, weder Hamas noch die von Mahmud Abbas geführte Fatah verdienten es, die Palästinenser zu vertreten. Fragt man allerdings nach einem möglichen Nachfolger für Abbas, liegt Marwan Barghouti klar vorne. 39 Prozent nennen ihn als geeignetsten Nachfolger, deutlich vor Hamas-Chef Khalil al-Hayya mit 16 Prozent und Mohammed Dahlan mit 15 Prozent.
In einer hypothetischen Präsidentschaftswahl würde Barghouti unter den wahrscheinlichen Wählern sogar 54 Prozent erreichen.
Barghouti ist damit der derzeit stärkste personelle Ausdruck des palästinensischen Führungsvakuums. Er ist aber kein politisches Gegenmodell vom Typ Alkhatib. Der langjährige Fatah-Funktionär sitzt seit 2004 in israelischer Haft. Ein israelisches Gericht verurteilte ihn wegen seiner Beteiligung an Taten mit fünf Todesopfern zu fünf lebenslangen Haftstrafen. Barghouti erkannte die Zuständigkeit des Gerichts nicht an.
Die Schwäche von Hamas und Abbas erzeugt also nicht automatisch eine moderate politische Alternative. Sie erzeugt zunächst einmal ein Vakuum.
Entwaffnung bleibt der eigentliche Test
Besonders deutlich wird die Ambivalenz bei der Waffenfrage. Wer über Gaza nach Hamas spricht, kommt deshalb an der Frage der Entwaffnung nicht vorbei.
72 Prozent aller Befragten lehnen eine Entwaffnung der Hamas ab, solange Israel sich nicht vollständig aus Gaza zurückgezogen hat. In Gaza sind es 62 Prozent, in Judäa und Samaria 79 Prozent. Ebenso viele gehen davon aus, dass eine vorherige Entwaffnung nicht zum israelischen Rückzug, sondern zu neuen Kämpfen führen würde.
Hamas erklärte sich im Juli 2026 grundsätzlich bereit, ihre Waffen im Rahmen des vereinbarten Prozesses unter die Aufsicht der palästinensischen Übergangsverwaltung NCAG zu stellen. Umstritten bleiben jedoch Reihenfolge, Kontrolle und die Frage, welche Schritte Israel zuvor erfüllen muss.
Eine Nachkriegsordnung kann sich zudem nicht auf Hamas allein beschränken. Wenn andere bewaffnete Organisationen wie der Palästinensische Islamische Dschihad oder eigenständige bewaffnete Gruppen ihre Strukturen behalten, wäre das Grundproblem nur teilweise gelöst. Eine zivile Regierung kann nicht dauerhaft regieren, solange konkurrierende Akteure unabhängig über Waffen und Krieg entscheiden können.
Umfragen können politische Stimmungen verändern. Waffen, Personal, Finanzstrukturen und Sicherheitsapparate sind Macht. Das eine sollte nicht mit dem anderen verwechselt werden.
In Gaza war offene Opposition gegen Hamas gefährlich
Wie frei sich politische Ablehnung überhaupt organisieren kann, ist ohnehin eine weitere Frage.
Im März 2025 gingen in Beit Lahia im Norden Gazas Hunderte Menschen auf die Straße. Bei den von Reuters dokumentierten Protesten wurde ausdrücklich der Abgang der Hamas verlangt. Weitere Proteste folgten in anderen Teilen Gazas.
Amnesty International dokumentierte anschließend Drohungen, Einschüchterungen, Verhöre und Misshandlungen von Demonstranten durch Hamas-Sicherheitskräfte.
Das war kein neues Muster. Bereits nach der gewaltsamen Machtübernahme 2007 dokumentierte Human Rights Watch willkürliche Festnahmen politischer Gegner, Folter sowie Einschränkungen der Meinungs- und Versammlungsfreiheit durch die Hamas-Regierung.
Politische Zustimmung in einem autoritären System lässt sich deshalb nicht so lesen wie Parteipräferenzen in einer offenen Demokratie.
Der westliche Blindfleck existiert auch in Deutschland
Alkhatibs Kritik richtet sich deshalb nicht nur gegen Hamas, sondern auch gegen einen Teil ihrer westlichen Unterstützer und Apologeten.
Der Blindfleck ist auch in Deutschland sichtbar. Israelische Regierungsentscheidungen werden auf Demonstrationen, in politischen Debatten und in Kampagnen sehr konkret personalisiert. Gleichzeitig taucht die politische Verantwortung der Hamas häufig erst dann auf, wenn ausdrücklich danach gefragt wird.
In manchen Teilen des Milieus geht es noch weiter. Am 13. Dezember 2024 wurde bei einer Demonstration in Berlin-Friedrichshain die Parole „From the river to the sea“ verwendet. Das Landgericht Berlin I stufte deren konkrete Verwendung in diesem Fall am 18. Dezember 2025 als Kennzeichen der verbotenen Terrororganisation Hamas ein und verhängte eine Geldstrafe. Die Staatsschutzkammer verwies darauf, dass Hamas den Slogan als Gegenentwurf zu einer friedlichen Zweistaatenlösung nutze und ihr Ziel die Beseitigung Israels sei. Das Urteil war zum Zeitpunkt der Berichterstattung nicht rechtskräftig und konnte mit Revision zum Bundesgerichtshof angefochten werden.
Auch eine Recherche von ZDF „Die Spur“ untersuchte 2025 mögliche Verbindungen zwischen Hamas-nahen Netzwerken und pro-palästinensischen Proteststrukturen in Deutschland. Die Recherche dokumentierte Hamas-Symbolik, personelle Zuschreibungen und Netzwerke, ohne damit pauschal zu behaupten, pro-palästinensische Demonstrationen in Deutschland würden insgesamt von Hamas gesteuert.
Genau hier wird Solidarität politisch blind. Wer Palästinenser ernst nimmt, kann nicht jeden israelischen Minister für seine Entscheidungen verantwortlich machen und Hamas gleichzeitig zur bloßen Reaktion auf äußere Umstände erklären.
Hamas war Regierung, Sicherheitsapparat, bewaffnete Organisation und ideologische Bewegung. Sie war kein Hintergrundgeräusch des Konflikts.
Wiederaufbau braucht mehr als Beton und Milliarden
Die Frage nach Hamas ist deshalb auch eine Frage des Wiederaufbaus. Eine tragfähige Zukunft für Gaza nach Hamas kann nicht allein aus neuen Gebäuden und internationaler Finanzierung bestehen.
Internationale Geldgeber können Wohnhäuser, Straßen, Krankenhäuser und Infrastruktur finanzieren. Sie können aber keine stabile politische Ordnung kaufen, solange bewaffnete Organisationen unabhängig von einer zivilen Regierung über Krieg und Frieden entscheiden können.
Das gilt nicht nur für Hamas. Eine tragfähige Nachkriegsordnung müsste bewaffnete Parallelstrukturen insgesamt unter staatliche oder international abgesicherte Kontrolle bringen.
Sonst bleibt das Grundrisiko bestehen: Milliarden fließen in den Wiederaufbau, zivile Strukturen entstehen neu und eine bewaffnete Organisation behält gleichzeitig die Möglichkeit, den nächsten Krieg auszulösen.
Das wäre kein Wiederaufbaukonzept. Es wäre eine Zwischenfinanzierung bis zur nächsten Katastrophe.

Sinkende Hamas-Werte sind real. Eine neue politische Ordnung sind sie nicht. Gaza nach Hamas braucht deshalb mehr als sinkende Umfragewerte. Solange eine bewaffnete Organisation über Krieg und Frieden entscheiden kann, bleibt Gaza politisch erpressbar und jeder dauerhafte Wiederaufbau gefährdet. Westliche Solidarität, die israelische Verantwortung benennt, aber Hamas, ihre Ideologie und ihre Machtstrukturen ausspart, hilft den Palästinensern deshalb nicht. Sie bleibt politisch blind.
